Henosis: Warum ich einen Roman ohne „Er“ und „Sie“ schreibe.
Als ich anfing, an meinem Roman »Henosis« zu arbeiten, stand die Frage, ob einer der Protagonisten non-binär sein sollte. Eine Fix-Idee, die ohne Grund und wahrscheinlich aus reiner Neugier entstand, oder vielleicht aufgrund dessen, dass in dem neuen Star Trek die Non-Binarität sichtbar wurde. Und als Autor muss man seinen Protagonisten verstehen. Und obwohl ich homosexuell bin, fehlte mir das Verständnis dafür – ich dachte: Okay, ich bin ein Mann und liebe einen Mann, also bin ich homosexuell. Wenn ich eine Frau lieben würde, wäre ich heterosexuell. Und wenn Männer und Frauen mir gleich attraktiv wären – dann Bi. Die Schublade für Non-Binarität fehlte. Und hier lag schon mein erster Denkfehler. Ich suchte Non-Binarität in der Schublade der Sexualität – wen begehre ich? Aber Non-Binarität beantwortet eine ganz andere Frage: Wer bin ich?
Als ich, nach meinen Forschungen, entschied, dass alle meine Protagonisten non-binär sein sollten und ich für alle Neopronomen benutzte, wurde mein Text in die Schublade Queerness abgelegt, und dabei verliert Non-Binarität ihre Zugänglichkeit. Aber Non-Binarität existiert nicht nur in der Queerness-Ecke, sondern taucht mitten im Alltag auf – in Fragen, die uns gestellt werden, in Rollen, die uns zugewiesen werden. Denn eigentlich habe ich gelogen, dass ich Non-Binarität nicht kannte. Es war mir nur nicht bewusst. Als ich meinen ersten Mann traf und wir zusammenzogen, und, oh je, während des Kennenlernens mit seiner Familie, fragte mich sein älterer Bruder: »… und wer ist bei euch die Frau?« Ich war irritiert und schoss ohne nachzudenken: »Und bei euch?« Erst heute begreife ich, dass diese damals nur absurd erscheinende Frage mehr war als ein Klischee über Schwule. Sie zeigt etwas Tieferes: Die Welt will, dass wir uns entscheiden: Links oder rechts, schwarz oder weiß, Mann oder Frau. Sogar dort, wo diese Kategorien längst keinen Sinn mehr ergeben. Wenn wir Non-Binarität heute in die Queerness abschieben, tun wir im Grunde dasselbe wie der Bruder meines Mannes: Wir verweigern uns der Komplexität. Wir machen ein Spezialthema daraus, um uns nicht fragen zu müssen, wie sehr diese starren Rollen uns eigentlich alle – egal, wen wir lieben – einengen. Mehr noch: Wir suggerieren, es ginge primär um Sex oder Partnerschaft. Dabei geht es im Kern um nichts Geringeres als das nackte Ich.
Während meiner Arbeit bin ich auf Barrieren gestoßen. Bei einer Schreibwerkstatt reichte ich einen kurzen Text ein – mit Neopronomen. Die Kursleiterin weigerte sich, ihn zu lesen. »Das klingt einfach nicht schön.« Ich hätte gern gewusst, ab welchem Pronomen Literatur wieder schön wird. Andere stiegen sofort in eine politische Diskussion ein, mit einem »weißen, heterosexuellen, christlichen cis-Mann«, welcher für alles Böse der Welt beschuldigt wird. Ich bin weiß und aller Wahrscheinlichkeit nach ein Cis-Mann, okay, vielleicht nicht christlich und sicher nicht heterosexuell, aber ich gehöre biologisch zu jener Gruppe, die in dieser Debatte pauschal auf die Anklagebank gesetzt wird. Ich nehme diese Kritik wahr, aber ich merke auch: Wenn schon ich, als schwuler Mann, diese pauschale Rhetorik als ausgrenzend empfinde, wie soll dann ein heterosexueller Mann überhaupt einen Zugang zu diesem Thema finden? Und wenn er dann doch sucht – was findet er? Bücher, die entweder kämpferisch feministisch oder akademisch sind. Beides mit Berechtigung, beides wichtig. Aber nichts, was ihn dort abholt, wo er steht.
Junô
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