Die erste
Während meines Studiums wohnte ich in einem Haus am östlichen Rand der Stadt, wo die Wohnungen günstig waren – dort, wo die Stadt langsam in die Vorstadt übergeht. Mein alter, schwerer Tisch, den ich von meinem Großvater geerbt hatte, stand am Fenster – an meinem Fenster zur Welt. Von hier war ich ein stiller Zeuge kleiner Dramen, die sich auf dem Gehsteig abspielten.
Es passierte eine Woche nach meinem Einzug. Ich beobachtete eine traurige Gestalt, die scheinbar in dem Haus gegenüber wohnte. Ein graues Gespenst, das sich wenig darum zu scheren schien, wie es aussah. Das Alter war schwer zu erraten – die glatt nach hinten gekämmten, ungewaschenen Haare verliehen dem Gesicht eine gewisse Strenge, die jedoch durch das lächerliche Make-up mit verschmiertem Lippenstift und der in Tränen verlaufenden Tusche den Eindruck eines traurigen Mimen erweckte.
Dey huschte schnell aus der Eingangstür und schaute um sich – war dey auf der Flucht vor deren Dämonen oder versteckte dey sich vor der ganzen Welt? Dey eilte zu einem Kiosk an der Ecke, zwei Häuser weiter. Dort kaufte dey eine Flasche Wodka, transparent wie deren Verzweiflung. Dann der hastige Rückzug, mit Blicken wie ein verfolgtes Tier, zurück in deren Versteck.
An diesem grauen, windigen Tag traf ich dey am Kiosk. Der Herbstwind peitschte durch die Straßen, zerrte an den letzten braunen Blättern und trieb sie vor sich her wie verlorene Seelen. Dey stand hinter mir und deren scharfer Geruch ungewaschener Haut, vermischt mit einem beißenden Geruch nach Urin, stieg mir in die Nase. Dey stand ungeduldig hinter mir, ein zitterndes Bündel Elend, und versuchte, den Mantel mit beiden Händen zuzuhalten, als versuchte dey sich vor der Kälte der Welt zu schützen.
Nachdem ich meine Zigaretten gekauft hatte, stellte ich mich etwas abseits. Der erste Zug brachte die gewünschte Entspannung. Aus einem Augenwinkel beobachtete ich die Gestalt. Dey kaufte wie gewöhnlich eine Flasche Wodka, deren Flucht und Segen, deren flüssiges Vergessen. Aus einer Tasche deren alten Mantels holte dey ein Portemonnaie. Als dey es öffnete, geschah das Unerwartete – im Nu flog ein Foto heraus, getragen vom Wind wie ein gefallener Schmetterling.
Dey fluchte mit dem lebendigsten Laut, den ich je von dey gehört hatte, und rannte hinter dem Foto her. Der Wind spielte grausam mit ihm, trieb das kleine Rechteck vor sich her wie einen Tänzer. Die Flasche Wodka fiel zu Boden und zerbarst in tausend Scherben. Aber das interessierte dey nicht mehr.
Das Foto landete in einer Pfütze, die den grauen Himmel spiegelte. Dey fiel auf die Knie, ohne zu zögern tauchten deren Hände ins kalte Wasser. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter, die ihr Kind wiegt, nahm dey das nasse Foto in beide Hände. Einen Moment lang starrte dey darauf, und eine einzige Träne rollte über deren eingefallene Wange und mischte sich mit dem Regenwasser auf dem Asphalt.
Dey rieb das Foto vorsichtig über den rauen Stoff deren Mantels, als könnte dey die Vergangenheit trockenreiben, und versteckte es behutsam wieder in deren Portemonnaie wie einen kostbaren Schatz. Als dey sich aufrichtete, war da plötzlich etwas anderes in dey: eine stille Würde, die durch das Chaos deren Existenz schimmerte. Dey schaute zurück, deren Augen fanden meine.
In diesem Moment erkannte ich dey wirklich zum ersten Mal. Deren große, grüne Augen waren plötzlich klar wie ein Bergsee und voller Trauer, die so tief und so alt wie das Meer war. Diese Trauer drang durch meine Haut bis ins Mark meiner Knochen. Dey senkte deren Blick, murmelte eine Entschuldigung, die leiser war als das Fallen von Herbstblättern, und verschwand hinter der Tür deren Hauses.
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